Filmvorstellung: Rubber

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Foto: Rubber, Quelle: Magnet Releasing via www.rubberthemovie.com

In Steven Spielbergs movie E.T., why is the Alien brown? No reason. In Love Story, why did the two characters madly fall in love with each other? No reason. In the excellent Texas Chainsaw Massacre, why don’t we see the characters ever going to the bathroom or washing their hands like people do in real life? No reason. […] All great films, without exception, contain an important element of „no reason“. And you know why? Because life itself is filled with no reason. […] Ladies, Gentlemen, the film you are about to see today is an homage to the „no reason“, the most powerful element of style!

 

So in etwa leitet der ganz großartige Stephen Spinella Quentin Dupieuxs Film aus dem Jahre 2010 ein, und nur um diese Idee werden sich die kommenden eineinhalb Stunden drehen: über Sinnlosigkeit und Willkür, und die Kunst aus diesen, uns aus den Mainstreammedien meist völlig unbekannten Elementen, einen fantastischen und ungemein erfrischenden Film entstehen zu lassen.

 

Dupieux, der zunächst Ende der 90er Jahre unter dem Pseudonym Mr. Oizo durch seine mehr als gewöhnungsbedürftige elektronische Musik auffiel, versuchte sich bereits 2001 als Regisseur. In Anlehnung an seine Musik (welche stets aus der Feder des Regisseurs und einiger befreundeter Produzenten stammt), entstand ein sogenannter Non-Film. Ein Film also, welcher nicht den Anspruch erhebt einer zu sein, wenn man sich denn nach den gängigen Konzeptionen und Perzeptionen der Industrie und des zahlenden Publikums richtet. Kein Wunder, dass dieses völlig abgedrehte Stück Kunst völlig in Vergessenheit geriet, obgleich es bereits den Weg in das Abendprogramm ARTEs finden konnte. Zu aufdringlich war die Kamera, die niemals gerade zu sein schien und den Eindruck erweckte, die gesamte Crew sei völlig besoffen. Ganz klar nicht für die breite Masse geschrieben, entsteht hier um einen grandios-einfachen Plot eine völlig irrsinnige visuelle Achterbahnfahrt, welche mit beeindruckender Einfachheit kreiert wird.

 

https://www.youtube.com/watch?v=U3dFIUSzUCU
(Leider ist dieser Teaser nur auf Französisch, aber er gibt zumindest
ein eindrucksvolles Beispiel seiner Bilder.)

 

Ganze sieben Jahre vergingen, bis Dupieux erneut zur Kamera griff. Diesmal entstand die weitaus zugänglichere Komödie Steak, welche sich trotzdem nicht scheute, tief in die Trickkiste des absurden Humors Dupieux’s zu greifen, allerdings bei weitem nicht so innovativ wie dessen Vorgänger und Nachfolger.

 

 

Die perfekte Balance zwischen verträglichen Bildern und absurdem Inhalt fand er schließlich in seinem dritten Spielfilm, Rubber. Alles an diesem Film ist absurd, stellt sämtliche klassische Erzählstrukturen in Frage und spielt genüsslich mit den Kapazitäten des Zuschauers. Bereits die ersten Minuten, welche dem Monolog Spinellas vohergehen – diesen spricht er übrigens direkt in die Kamera (eine Technik die bereits in Godards grandiosem À bout de souffle für Aufruhr sorgte) – entscheiden oftmals darüber, ob der Zuschauer den Saal verlässt oder sich auf das Abenteuer einlässt.

 

Denn der Zuschauer ist nicht alleine in diesem Film. Nachdem Spinella seine Rede beendet hat und in seinen Kofferraum zurück verschwindet, erhält eine Gruppe Menschen, an welche sich Spinellas Rede gerichtet hat (hier erkennt man zum ersten Mal die Verbindung zwischen dem realen Zuschauer und dem konstruiertem Zuschauer im Film selber) Ferngläser, die sie auf die öden Weiten einer Wüste richten. Und an dieser Stelle setzt die „Handlung“ ein: Man sieht einen Reifen, der plötzlich zum Leben erwacht, und nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten beginnt, sich fortzubewegen. Zusätzlich zu dieser mehr als ungewöhnlichen Fähigkeit entwickelt Robert (so der Name des Reifens) telekinetische Kräfte, welche es ihm ermöglichen, zunächst Hasen und Vögel zu töten, später aber auch unliebsame Menschen, welche er auf beeindruckende Art ins Jenseits befördert.

 

Somit steht auch der Plot für diesen Film, und mehr ist auch gar nicht von Nöten, denn es geht, wie man schon erahnt, um mehr als nur schnelle und kohärente Unterhaltung. Dupieux versucht hier vielmehr tiefgreifende, medienphilosophische Kritik auszuüben. Die Zuschauer im Film (entsprechend dem realen Zuschauer), die mithilfe ihrer Ferngläser Roberts Amoklauf beobachten, beschweren sich zu Beginn noch (der Film beginnt sehr, sehr langsam), dass nichts passiert und dass das alles verschwendetes Geld sei. Man könnte jetzt mit einem Augenzwinkern an die Kinogänger denken, welche genau an dieser Stelle den Saal verlassen haben, doch als Robert das erste Tier effektvoll in die Luft sprengt, sind die Gemüter beruhigt. Ab da geht es Schlag auf Schlag und die Gruppe konsumiert ohne Sinne und Verstand, stopft sich regelrecht voll, ohne das Spektakel welchem sie beiwohnen zu hinterfragen. Es könnte schon fast eine (etwas gewagte) Parallele zu antiken Gladiatorenkämpfe gezogen werden, in denen man auch zum Zwecke der Unterhaltung der Hinrichtung menschlicher Wesen beiwohnen konnte. Denn dass Robert im Laufe seiner Reise unzählige Menschen tötet, findet keiner der Zuschauer schlimm, sondern einfach nur „awesome“ und „thank god it’s [a movie] in colour“.

 

Dupieux setzt da an, wo Unterhaltungsmedien eigentlich sein sollten, aber seit Jahrhunderten nicht mehr sind, oder vielleicht niemals waren. Wie eine Theaterdarstellerin letztens zu mir sagte, das Element der Katharsis ist vor allem im heutigen Bereich der Unterhaltung völlig in den Hintergrund gerückt. Man erwartet, wie bereits vorher gesagt, geradlinige und verständliche Unterhaltung, man will bloß nicht überfordert werden, alles muss einen Sinn ergeben. Man könnte sich nun im Bezug auf den Sinn-Begriff in endlosen existentialistischen Debatten verlieren, Fakt bleibt, dass Dupieux mit seinen Filmen wohl der modernste Vertreter des surrealen Films ist. Obgleich weniger extrem, auch was die bildliche Sprache angeht, sieht man einen unstillbaren Drang danach, die Grenzen der „normalen“ Wahrnehmung zu sprengen, in neue Gefilde des Unbewussten vorzudringen und nicht immer nach einer zwingend notwendigen, logischen Schlussfolgerung zu suchen. Denn wie Spinella es bereits zu Beginn des Films sagt: „Life itself is full of no reason!“

 

 


von max am 28.Feb.2013 in kultur

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