Hinter Text und Beat

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Der Rapper Crystal F, Foto: Yana Wernicke

Eine Frau sitzt in einer dunklen Kammer an einen Stuhl gefesselt. Auf einem Beistelltisch liegen Messer, Scheren, ein Hackbeil. Plötzlich tritt ein Mann ins Bild. Riecht an der panisch werdenden Frau. Fängt dann an sie zu foltern. Schlägt sie, schneidet sie auf.

 

Eine Szene, die ohne Weiteres in Horrorfilmen à la Hostel spielen könnte. Tatsächlich stammt sie jedoch aus einem Musikvideo des Neuköllner Rappers Crystal F. In seinen Songs gibt es auch Zeilen wie: „Ich pump’ wie ein Gestörter gleich Kugeln in dein’ Körper“, oder „Ich füll’ dein Blut in ein Kondom ein und schick’s deiner Mama aus Bosheit“. Rappt er nicht über das Verstümmeln anderer oder seines Alter Egos, geht es häufig um exorbitanten Drogenkonsum.

 

Dabei ist von Koks über Heroin und Crystal Meth alles dabei, was sich gut zum Zerstören des eigenen Körpers eignet. In Videos hantiert er oft mit Waffen und Bergen von weißem Pulver herum. Er selbst beschreibt seinen Stil als eine Mischung aus Battle-Rap und Horrorcore.

 

Mit entsprechend gemischten Gefühlen frage ich bei seinem Label Ruffiction für ein Interview an. „Was, wenn ich nachher auch gefesselt in einem dunklen Keller lande?“ und ähnliche Gedanken schießen mir durch den Kopf. Plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das wirklich eine gute Idee gewesen ist.

 

Dass ich wohl etwas übertrieben habe, dämmert mir, als ich am nächsten Morgen die Antwortmail lese. Sie kommt von ihm persönlich und wirkt ausgesprochen freundlich-förmlich: „Gerne stehe ich euch für ein Interview zur Verfügung. Liebe Grüße und danke für die Anfrage“.

 

Angstfrei nach Gropiusstadt

 

So mache ich mich ziemlich angstfrei auf den Weg nach Gropiusstadt, wo wir uns treffen wollen. Sollte ich beim warten im U-Bahnhof noch Bedenken irgendwelcher Art gehabt haben, sind sie spätestens im Moment unserer Begegnung verflogen: Ich treffe einen netten jungen Mann, der sofort sehr offen und zuvorkommend wirkt. Vor mir steht auf jeden Fall niemand, von dem man Zeilen wie „dann brech’ ich ihr den Kiefer klein, denn ich steck’ ihn noch tiefer rein“ erwarten würde.

 

Wohl auch nicht die alte Dame, die er im Hauseingang nett grüßt und der er die Tür aufhält. Ein Eindruck, der sich fortsetzt, als wir in seiner Wohnung ankommen. Ob ich auch einen Chai wolle, fragt er mich, während ich noch die Schuhe ausziehe und einen ersten Blick in die Wohnung werfe. Er wohnt dort seit zwei Jahren gemeinsam mit seiner Freundin, was sich in der Einrichtung widerspiegelt: Helle Farben, ein wenig Dekoration, überall ist es ordentlich. Besonders ins Auge fallen sofort die beiden riesigen Schuhregale im Flur, eines für sie, eines für ihn und seine große Sammlung penibel einsortierter Sneaker.

 

„Das muss nicht unbedingt real sein“

 

Damit hatte ich nicht gerechnet. Doch das passiert ihm scheinbar nicht zum ersten Mal: „Wenn mich die Leute auf Konzerten sehen, sagen sie oft: ‘Wow, du bist ja gar nicht so wie in deiner Musik‘. Natürlich bin ich nicht wie in meiner Musik. Wenn ich ein Psychomörder wäre, würde ich doch nicht frei herumlaufen und darüber Musik machen.“ Während des ganzen Gesprächs bleibt er freundlich, manchmal witzig und drückt sich dabei stets sehr gewählt aus.

 

Auch in anderen Bereichen unterscheiden sich der Rapper Crystal F und die Person dahinter enorm. Vom ausschweifenden Drogenkonsum zum Beispiel ist im realen Leben keine Spur: Er raucht nicht und trinkt seit 
Jahren keinen Alkohol. „Ein Widerspruch“, wie er zugibt. „Aber ich finde Musik ist Musik. Das muss nicht unbedingt real sein. 
Mich interessiert ja auch nicht, ob Emo-Bands den ganzen Tag traurig sind. Wenn die Musik gut ist, ist die Musik gut. Der Rest ist mir da eher egal.“

 

Und wie er auf die Themen komme, wenn sie doch direkt mit ihm nichts zu tun haben? 
Das habe sich einfach ergeben, sagt er: „Ich habe irgendwann einfach mal einen Song in die Richtung gemacht und fand es auf Anhieb cool. Zudem ist meine Stimme eine der besten in Deutschland für diese Art Musik“, auch wenn dies seiner Mutter nicht unbedingt gefallen habe. „Meine Mutter war früher immer unfassbar enttäuscht, wenn sie meine Musik gehört hat. Die dachte auch immer: ‘Was 
haben wir nur falsch gemacht? Was ist denn mit dem Jungen los?‘, aber das ist nichts Schlimmes. Ich mache Musik und ich finde das halt witzig.“

 

Spiel mit Vorstellung und Wirklichkeit

 

Doch auch wenn die reale Person nichts mit dem Crystal F aus den Songs zu tun hat, will er seinen richtigen Namen aus beruflichen Gründen lieber nicht in der Zeitung lesen. Dabei würde wohl im Traum niemand auf die Idee kommen, dass der nette junge Mann, der vor dem Fotoshooting noch mal mit der Fusselbürste über seinen Pullover geht, in seinen Texten derartige Gewaltfantasien beschreibt.

 

„Am Anfang war es eher so, dass ich dachte, ich mache jetzt so übertriebene Musik, dass die Leute auch merken, dass das jetzt nicht ernst gemeint ist.“ Und wenn man ehrlich ist, muss man sich wohl eingestehen, dass an dieser Aussage etwas Wahres dran ist. Denn die Figur Crystal F vereint auf eine Art alles Böse und Gefährliche auf sich, dass es sich eigentlich nur um eine einzige große Übertreibung handeln kann.

 

Er bedient unser aller Klischees über Gangster-Rapper, treibt sie auf die Spitze – und zeigt damit doch gerade, wie unrealistisch seine Rolle ist. Wir sie aber dennoch glauben, weil wir sie glauben wollen, da sie im Grunde unseren schlimmsten Vorstellungen über Gangster-Rapper entspricht. Dabei ist und bleibt sie nur eine Rolle. Eine Illusion. Oder um es mit einer seiner eigenen Zeilen zu sagen: 
„Das sind nur Texte und Beats“.

 

Der Artikel ist zuerst in der Printausgabe von neukoellner.net erschienen. Zu finden in Bars, Cafés, sozialen Einrichtungen, kulturellen Institutionen und Geschäften überall in Neukölln.

 

Hören könnt ihr Crystal F hier:
www.lastfm.de/music/Crystal+F
Facebook.com/crystalfmassaker
www.ruffiction.de/category/crystal-f


von chris am 25.Feb.2013 in leben

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